Harold Pinter: Literatur-Nobelpreistraeger
2005
Kunst, Wahrheit & Politik
© DIE NOBELSTIFTUNG 2005
Nachdruck genehmigt für Zeitungen in allen Sprachen nach dem 7. Dezember 2005,
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Nobelpreisvorlesung von Harold Pinter
7. Dezember 2005
1958 schrieb ich folgendes:
„Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und dem
was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und dem
was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es
kann beides sein, wahr und unwahr.“
Ich halte diese Behauptungen immer noch für plausibel und weiterhin
gültig für die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst. Als Autor
halte ich mich daran, aber als Bürger kann ich das nicht. Als Bürger
muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?
Die Wahrheit in einem Theaterstück bleibt immer schwer greifbar. Man
findet sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft danach. Die Suche ist
eindeutig der Antrieb unseres Bemühens. Die Suche ist unsere Aufgabe.
Meistens stolpert man im Dunkeln über die Wahrheit, kollidiert damit
oder erhascht nur einen flüchtigen Blick oder einen Umriss, der der
Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu merken, dass dies
überhaupt geschehen ist. Die echte Wahrheit aber besteht darin, dass
sich in der Dramatik niemals so etwas wie die eine Wahrheit finden
lässt. Es existieren viele Wahrheiten. Die Wahrheiten widersprechen,
reflektieren, ignorieren und verspotten sich, weichen voreinander
zurück, sind füreinander blind. Manchmal spürt man, dass man die
Wahrheit eines Moments in der Hand hält, dann gleitet sie einem durch
die Finger und ist verschwunden.
Man hat mich oft gefragt, wie meine Stücke entstehen. Ich kann es nicht
sagen. Es ist mir auch völlig unmöglich, meine Stücke zusammenzufassen,
ich kann nur sagen, dies ist geschehen. Das haben sie gesagt. Dies
haben sie getan.
Die meisten meiner Stücke entstehen aus einer Textzeile, einem Wort
oder einem Bild. Dem gegebenen Wort folgt oft kurz darauf das Bild. Ich
gebe zwei Beispiele für zwei Zeilen, die mir urplötzlich einfielen,
danach kam das Bild und dann ich.
Es sind die Stücke Die Heimkehr und Alte Zeiten. Der erste Satz von Die
Heimkehr heißt: „Was hast du mit der Schere gemacht?“ Das erste Wort
von Alte Zeiten lautet: „Dunkel“.
Das war alles, was ich jeweils an Informationen besaß.
Im ersten Fall suchte jemand offenbar eine Schere und wollte von jemand
anders, den er verdächtigte, sie gestohlen zu haben, ihren Verbleib
erfahren. Aber irgendwie wusste ich, dass der angesprochenen Person die
Schere ebenso egal war wie die Person, die danach gefragt hatte.
„Dunkel“ verstand ich als Beschreibung der Haare einer Person, der
Haare einer Frau, sowie als Antwort auf eine Frage. In beiden Fällen
musste ich der Sache nachgehen. Dies geschah visuell, ein sehr
langsames Überblenden vom Schatten ins Licht.
Wenn ich ein Stück beginne, nenne ich die Personen immer A, B und C.
In dem Stück, aus dem Die Heimkehr wurde, sah ich einen Mann in ein
kahles Zimmer kommen und seine Frage an einen jüngeren Mann richten,
der auf einem hässlichen Sofa saß und eine Rennzeitung las. Ich ahnte
irgendwie, dass A der Vater und B sein Sohn war, aber ich besaß keinen
Beweis dafür. Meine Vermutung wurde allerdings kurz darauf bestätigt
als B (der spätere Lenny) zu A (dem späteren Max) sagt: „Ich würde
jetzt gerne das Thema wechseln, ja, Dad? Ich möchte dich was fragen.
Unser Essen vorhin, was sollte das darstellen? Wie heißt so was? Warum
kaufst du dir keinen Hund? Der würde so was fressen. Ehrlich. Aber du
kochst hier nicht für ein Rudel Hunde.“ Da B also A „Dad“ nennt, schien
mir die Annahme vernünftig, dass es sich bei ihnen um Vater und Sohn
handelte. A war auch eindeutig der Koch, dessen Kochkünste offenbar
keine hohe Wertschätzung genossen. Bedeutete das, dass es keine Mutter
gab? Ich wusste es nicht. Aber, so sagte ich mir, anfangs wissen wir
nie, worauf alles hinausläuft.
„Dunkel“. Ein breites Fenster. Abendhimmel. Ein Mann, A (der spätere
Deeley), und eine Frau, B (die spätere Kate), sitzen und trinken. „Dick
oder dünn?“ fragt der Mann. Von wem reden sie? Aber dann sehe ich am
Fenster eine Frau, C (die spätere Anna), sie steht in einer anderen
Beleuchtung, mit dem Rücken zu den anderen, ihre Haare sind dunkel.
Es ist ein merkwürdiger Moment, der Moment, in dem man Personen
erschafft, die bis dahin nicht existierten. Was dann kommt, vollzieht
sich sprunghaft, vage, sogar halluzinatorisch, auch wenn es manchmal
einer unaufhaltsamen Lawine gleicht. Der Autor befindet sich in einer
eigenartigen Lage. Die Personen empfangen ihn eigentlich nicht mit
offenen Armen. Die Personen widersetzen sich ihm. Es ist schwierig, mit
ihnen auszukommen, sie zu definieren ist unmöglich. Vorschreiben lassen
sie sich schon gar nichts. In gewisser Weise spielt man mit ihnen ein
endloses Spiel: Katz und Maus, Blindekuh, Verstecken. Aber schließlich
merkt man, dass man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat,
mit Menschen die einen eigenen Willen und eine individuelle
Sensibilität besitzen und aus Bestandteilen bestehen, die man nicht
verändern, manipulieren oder verzerren kann.
Die Sprache in der Kunst bleibt also eine äußerst vieldeutige
Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener Teich, auf dem
man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte.
Aber wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie aufhören. Man
kann sie nicht vertagen, sie lässt sich nicht aufschieben. Man muss
sich ihr stellen und zwar hier und jetzt.
Politisches Theater stellt einen vor völlig andersartige Probleme.
Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität
ist unabdingbar. Die Personen müssen frei atmen können. Der Autor darf
sie nicht einschränken und einengen, damit sie seinen eigenen
Vorlieben, Neigungen und Vorurteilen genügen. Er muss bereit sein, sich
ihnen aus den verschiedensten Richtungen zu nähern, unter allen
möglichen Blickwinkeln, sie vielleicht gelegentlich zu überrumpeln,
ihnen aber trotzdem die Freiheit zu lassen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Das funktioniert nicht immer. Und die politische Satire befolgt
natürlich keine dieser Regeln, sie tut tatsächlich das genaue Gegenteil
und erfüllt damit ihre eigentliche Funktion.
In meinem Stück Die Geburtstagsfeier lasse ich, glaube ich, in einem
dichten Wald der Möglichkeiten einer ganzen Reihe von Alternativen
Spielraum, bevor schließlich ein Akt der Unterwerfung in den Brennpunkt
rückt.
Berg-Sprache behauptet einen solchen Spielraum nicht. Das Stück bleibt
brutal, kurz und hässlich. Aber die Soldaten im Stück haben ihren Spaß.
Man vergisst manchmal, dass sich Folterer rasch langweilen. Sie müssen
etwas zu lachen haben, damit ihnen die Lust nicht vergeht. Die
Ereignisse in Abu Ghraib in Bagdad haben das natürlich bestätigt.
Berg-Sprache dauert nur 20 Minuten, aber es könnte Stunde um Stunde
immer so weitergehen, nach demselben Muster, immer so weiter, Stunde um
Stunde.
Asche zu Asche andererseits scheint mir unter Wasser zu spielen. Eine
ertrinkende Frau reckt durch die Wellen die Hand nach oben, sie
versinkt, sucht nach anderen, aber sie findet dort niemand, weder über
noch unter Wasser, sie findet nur treibende Schatten, Spiegelungen; die
Frau, eine verlorene Gestalt in einer ertrinkenden Landschaft, eine
Frau, die dem Verderben, das nur anderen bestimmt gewesen zu sein
schien, nicht entrinnen kann.
Doch so wie sie starben, muss auch sie sterben.
Politische Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich auf
keines dieser Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den uns
vorliegenden Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat sondern nur
an der Macht und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht erhalten
bleibt, ist es unabdingbar, dass die Menschen unwissend bleiben, dass
sie in Unkenntnis der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit ihres eigenen
Lebens. Es umgibt uns deshalb ein weitverzweigtes Lügengespinst, von
dem wir uns nähren.
Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für die
Invasion des Irak, Saddam Hussein verfüge über ein hoch gefährliches
Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten
abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte
uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der
Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und trage Mitverantwortung für
die Gräuel in New York am 11. September 2001. Man versicherte uns, dies
sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak bedrohe
die Sicherheit der Welt. Man versicherte uns es sei wahr. Es war nicht
die Wahrheit.
Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit zu tun,
wie die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen und wie
sie sie verkörpern wollen.
Doch bevor ich auf die Gegenwart zurückkomme, möchte ich einen Blick
auf die jüngste Vergangenheit werfen; damit meine ich die Außenpolitik
der Vereinigten Staaten seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Ich glaube,
wir sind dazu verpflichtet, diesen Zeitraum zumindest einer gewissen,
wenn auch begrenzten Prüfung zu unterziehen, mehr erlaubt hier die Zeit
nicht.
Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während der
Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die weit
verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose Unterdrückung
eigenständigen Denkens. All dies ist ausführlich dokumentiert und
belegt worden.
Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum
nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn dokumentiert,
geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als Verbrechen
wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss,
und dass die Wahrheit beträchtlichen Einfluss darauf hat, wo die Welt
jetzt steht. Trotz gewisser Beschränkungen durch die Existenz der
Sowjetunion, machte die weltweite Vorgehensweise der Vereinigten
Staaten ihre Überzeugung deutlich, für ihr Handeln völlig freie Hand zu
besitzen.
Die direkte Invasion eines souveränen Staates war eigentlich nie die
bevorzugte Methode der Vereinigten Staaten. Vorwiegend haben sie den
von ihnen sogenannten „Low Intensity Conflict“ favorisiert. „Low
Intensity Conflict“ bedeutet, dass tausende von Menschen sterben aber
langsamer als würde man sie auf einen Schlag mit einer Bombe
auslöschen. Es bedeutet, dass man das Herz des Landes infiziert, dass
man eine bösartige Wucherung in Gang setzt und zuschaut wie der
Faulbrand erblüht. Ist die Bevölkerung unterjocht worden oder
totgeprügelt es läuft auf dasselbe hinaus und sitzen die eigenen
Freunde, das Militär und die großen Kapitalgesellschaften, bequem am
Schalthebel, tritt man vor die Kamera und sagt, die Demokratie habe
sich behauptet. Das war in den Jahren, auf die ich mich hier beziehe,
gang und gäbe in der Außenpolitik der USA.
Die Tragödie Nicaraguas war ein hochsignifikanter Fall. Ich präsentiere
ihn hier als schlagendes Beispiel für Amerikas Sicht seiner eigenen
Rolle in der Welt, damals wie heute.
Ende der 80er Jahre nahm ich an einem Treffen in der amerikanischen Botschaft in London teil.
Der Kongress der Vereinigten Staaten sollte entscheiden, ob man die
Contras in ihrem Feldzug gegen den nicaraguanischen Staat mit mehr Geld
unterstützt. Ich gehörte der Delegation an, die für Nicaragua sprach,
doch das wichtigste Delegationsmitglied war Father John Metcalf. Der
Leiter der amerikanischen Gruppe war Raymond Seitz (damals nach dem
Botschafter die Nummer Zwei, später selber Botschafter). Father Metcalf
sagte: „Sir, ich leite eine Gemeinde im Norden Nicaraguas. Meine
Gemeindeglieder haben eine Schule gebaut, ein medizinisches
Versorgungszentrum, ein Kulturzentrum. Wir haben in Frieden gelebt. Vor
einigen Monaten griffen Contratruppen die Gemeinde an. Sie zerstörten
alles: die Schule, das medizinische Versorgungszentrum, das
Kulturzentrum. Sie vergewaltigten Krankenschwestern und Lehrerinnen,
schlachteten die Ärzte aufs brutalste ab. Sie benahmen sich wie
Berserker. Bitte fordern Sie, dass die US-Regierung diesen empörenden
terroristischen Umtrieben die Unterstützung entzieht.“
Raymond Seitz besaß einen ausgezeichneten Ruf als rationaler,
verantwortungsbewusster und hoch kultivierter Mann. Er genoss in
diplomatischen Kreisen großes Ansehen. Er hörte genau zu, zögerte und
sprach dann mit großem Ernst. „Father“, sagte er, „ich möchte Ihnen
etwas sagen. Im Krieg leiden immer Unschuldige.“ Es herrschte eisiges
Schweigen. Wir starrten ihn an. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper.
In der Tat, Unschuldige leiden immer.
Schließlich sagte jemand: „Aber in diesem Fall waren die ,Unschuldigen‘
Opfer einer durch Ihre Regierung subventionierten, entsetzlichen
Gräueltat, einer von vielen. Sollte der Kongress den Contras mehr Geld
bewilligen, wird es zu weiteren Gräueln kommen. Ist dem nicht so? Macht
sich Ihre Regierung damit nicht der Unterstützung von Mordtaten und
Vernichtungswerken schuldig, begangen an Bürgern eines souveränen
Staates?“
Seitz ließ sich durch nichts erschüttern. „Ich bin nicht der
Auffassung, dass die vorliegenden Fakten Ihre Behauptungen stützen“,
sagte er.
Beim Verlassen der Botschaft sagte mir ein US-Berater, er schätze meine Stücke. Ich reagierte nicht.
Ich darf Sie daran erinnern, dass Präsident Reagan damals folgendes
Statement abgab: „Die Contras stehen moralisch auf einer Stufe mit
unseren Gründervätern.“
Die Vereinigten Staaten unterstützten die brutale Somoza-Diktatur in
Nicaragua über 40 Jahre. Angeführt von den Sandinisten, stürzte das
nicaraguanische Volk 1979 dieses Regime, ein atemberaubender
Volksaufstand.
Die Sandinisten waren nicht vollkommen. Auch sie verfügten über eine
gewisse Arroganz, und ihre politische Philosophie beinhaltete eine
Reihe widersprüchlicher Elemente. Aber sie waren intelligent,
einsichtig und zivilisiert. Sie machten sich daran, eine stabile,
anständige, pluralistische Gesellschaft zu gründen. Die Todesstrafe
wurde abgeschafft. Hunderttausende verarmter Bauern wurden quasi ins
Leben zurückgeholt. Über 100.000 Familien erhielten Grundbesitz.
Zweitausend Schulen entstanden. Eine äußerst bemerkenswerte
Alphabetisierungskampagne verringerte den Anteil der Analphabeten im
Land auf unter ein Siebtel. Freies Bildungswesen und kostenlose
Gesundheitsfürsorge wurden eingeführt. Die Kindersterblichkeit ging um
ein Drittel zurück. Polio wurde ausgerottet.
Die Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen als
marxistisch-leninistische Unterwanderung. Aus Sicht der US-Regierung
war dies ein gefährliches Beispiel. Erlaubte man Nicaragua, elementare
Normen sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit zu etablieren, erlaubte
man dem Land, den Standard der Gesundheitsfürsorge und des
Bildungswesens anzuheben und soziale Einheit und nationale
Selbstachtung zu erreichen, würden benachbarte Länder dieselben Fragen
stellen und dieselben Dinge tun. Damals regte sich natürlich heftiger
Widerstand gegen den in El Salvador herrschenden Status quo.
Ich erwähnte vorhin das „Lügengespinst“, das uns umgibt. Präsident
Reagan beschrieb Nicaragua meist als „totalitären Kerker“. Die Medien
generell und ganz bestimmt die britische Regierung werteten dies als
zutreffenden und begründeten Kommentar. Aber tatsächlich gab es keine
Berichte über Todesschwadronen unter der sandinistischen Regierung. Es
gab keine Berichte über Folterungen. Es gab keine Berichte über
systematische oder offiziell autorisierte militärische Brutalität. In
Nicaragua wurde nie ein Priester ermordet. Es waren vielmehr drei
Priester an der Regierung beteiligt, zwei Jesuiten und ein Missionar
des Maryknoll-Ordens. Die totalitären Kerker befanden sich eigentlich
nebenan in El Salvador und Guatemala. Die Vereinigten Staaten hatten
1954 die demokratisch gewählte Regierung von Guatemala gestürzt, und
Schätzungen zufolge sollen den anschließenden Militärdiktaturen mehr
als 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sein.
Sechs der weltweit namhaftesten Jesuiten wurden 1989 in der Central
American University in San Salvador von einem Batallion des in Fort
Benning, Georgia, USA, ausgebildeten Alcatl-Regiments getötet. Der
außergewöhnlich mutige Erzbischof Romero wurde ermordet, als er die
Messe las. Schätzungsweise kamen 75.000 Menschen ums Leben. Weshalb
wurden sie getötet? Sie wurden getötet, weil sie ein besseres Leben
nicht nur für möglich hielten sondern auch verwirklichen wollten.
Dieser Glaube stempelte sie sofort zu Kommunisten. Sie starben, weil
sie es wagten, den Status quo infrage zu stellen, das endlose Plateau
von Armut, Krankheit, Erniedrigung und Unterdrückung, das ihr
Geburtsrecht gewesen war.
Die Vereinigten Staaten stürzten schließlich die sandinistische
Regierung. Es kostete einige Jahre und beträchtliche Widerstandskraft,
doch gnadenlose ökonomische Schikanen und 30.000 Tote untergruben am
Ende den Elan des nicaraguanischen Volkes. Es war erschöpft und erneut
verarmt. Die Casinos kehrten ins Land zurück. Mit dem kostenlosen
Gesundheitsdienst und dem freien Schulwesen war es vorbei. Das Big
Business kam mit aller Macht zurück. Die 'Demokratie' hatte sich
behauptet.
Doch diese „Politik“ blieb keineswegs auf Mittelamerika beschränkt. Sie
wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos. Und es ist, als hätte es
sie nie gegeben.
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten
jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen
Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien,
Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die
Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken,
die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen
werden.
In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie
wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik
zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind
der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man
natürlich nichts.
Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es
passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte
niemand. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch,
konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben
wirklich darüber gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es hat
weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben,
und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein
glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt.
Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt
ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und
skrupellos, aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende
stehen sie ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt
Eigenliebe. Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen
Präsidenten im Fernsehen die Worte sagen hören: „das amerikanische
Volk“, wie zum Beispiel in dem Satz: „Ich sage dem amerikanischen Volk,
es ist an der Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes
zu verteidigen, und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten
ihres Präsidenten zu vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen
Volkes unternehmen wird.“
Ein brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in
Schach. Mit den Worten „das amerikanische Volk“ wird ein wirklich
luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Denken ist überflüssig. Man
muss sich nur ins Kissen fallen lassen. Möglicherweise erstickt das
Kissen die eigene Intelligenz und das eigene Urteilsvermögen, aber es
ist sehr bequem. Das gilt natürlich weder für die 40 Millionen
Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch für die 2 Millionen
Männer und Frauen, die in dem riesigen Gulag von Gefängnissen
eingesperrt sind, der sich über die Vereinigten Staaten erstreckt.
Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am low intensity conflict.
Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen
oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz
ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten
Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos
und irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein kleines, blökendes
Lämmchen, das ihnen an einer Leine hinterher trottelt, das erbärmliche
und abgeschlaffte Großbritannien.
Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je eines?
Was bedeuten diese Worte? Stehen sie für einen heutzutage äußerst
selten gebrauchten Begriff – Gewissen? Ein Gewissen nicht nur
hinsichtlich unseres eigenen Tuns sondern auch hinsichtlich unserer
gemeinsamen Verantwortung für das Tun anderer? Ist all das tot? Nehmen
wir Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen, seit über drei Jahren ohne
Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess,
im Prinzip für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation
existiert trotz der Genfer Konvention weiter. Die sogenannte
„internationale Gemeinschaft“ toleriert sie nicht nur, sondern
verschwendet auch so gut wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle
Ungeheuerlichkeit begeht ein Land, das sich selbst zum „Anführer der
freien Welt“ erklärt. Denken wir an die Menschen in Guantanamo Bay? Was
berichten die Medien über sie? Sie tauchen gelegentlich auf – eine
kleine Notiz auf Seite sechs. Sie wurden in ein Niemandsland geschickt,
aus dem sie womöglich nie mehr zurückkehren. Gegenwärtig sind viele im
Hungerstreik, werden zwangsernährt, darunter auch britische Bürger.
Zwangsernährung ist kein schöner Vorgang. Weder Beruhigungsmittel noch
Betäubung. Man bekommt durch die Nase einen Schlauch in den Hals
gesteckt. Man spuckt Blut. Das ist Folter. Was hat der britische
Außenminister dazu gesagt? Nichts. Was hat der britische
Premierminister dazu gesagt? Nichts. Warum nicht? Weil die Vereinigten
Staaten gesagt haben: Kritik an unserem Vorgehen in Guantanamo Bay
stellt einen feindseligen Akt dar. Ihr seid entweder für uns oder gegen
uns. Also hält Blair den Mund.
Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem
Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von
internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher
Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen und die
üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur
Konsolidierung der militärischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas im
mittleren Osten unter der Maske der Befreiung, letztes Mittel, nachdem
alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen lassen.
Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod
und die Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist.
Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes
Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod
gebracht und nennen es „dem mittleren Osten Freiheit und Demokratie
bringen“.
Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung
verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein?
Einhunderttausend? Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur
gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof
kommen. Aber Bush war clever. Er hat den Internationalen
Strafgerichtshof gar nicht erst anerkannt. Für den Fall, dass sich ein
amerikanischer Soldat oder auch ein Politiker auf der Anklagebank
wiederfindet, hat Bush damit gedroht, die Marines in den Einsatz zu
schicken. Aber Tony Blair hat den Gerichtshof anerkannt und steht für
ein Gerichtsverfahren zur Verfügung. Wir können dem Gerichtshof seine
Adresse geben, falls er Interesse daran hat. Sie lautet Number 10,
Downing Street, London.
Der Tod spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Für Bush und Blair
ist der Tod eine Lappalie. Mindestens 100.000 Iraker kamen durch
amerikanische Bomben und Raketen um, bevor der irakische Aufstand
begann. Diese Menschen sind bedeutungslos. Ihr Tod existiert nicht. Sie
sind eine Leerstelle. Sie werden nicht einmal als tot gemeldet.
„Leichen zählen wir nicht“, sagte der amerikanische General Tommy
Franks.
Ganz zu Beginn der Invasion veröffentlichten die britischen Zeitungen
auf der Titelseite ein Foto von Tony Blair, der einen kleinen
irakischen Jungen auf die Wange küsst. „Ein dankbares Kind“, lautete
die Überschrift. Einige Tage später gab es auf einer Innenseite einen
Bericht und ein Foto von einem anderen vierjährigen Jungen, ohne Arme.
Eine Rakete hatte seine Familie in die Luft gesprengt. Er war der
einzige Überlebende. „Wann bekomme ich meine Arme wieder?“ fragte er.
Der Bericht wurde nicht weiter verfolgt. Nun, diesen Jungen hielt auch
nicht Tony Blair in den Armen, weder ihn noch sonst ein anderes
verstümmeltes Kind oder irgendeine blutige Leiche. Blut ist schmutzig.
Es verschmutzt einem Hemd und Krawatte, wenn man eine aufrichtige
Ansprache im Fernsehen hält.
Die 2000 toten Amerikaner sind peinlich. Sie werden bei Dunkelheit zu
ihren Gräbern transportiert. Die Beerdigungen finden dezent statt, an
einem sicheren Ort. Die Verstümmelten verfaulen in ihren Betten, manche
für den Rest ihres Lebens. Die Toten und die Verstümmelten verfaulen
beide, nur in unterschiedlichen Gräbern.
Dies ist ein Stück aus einem Gedicht von Pablo Neruda: „Erklärung einiger Dinge“:
Und eines Morgens brachen die Flammen aus allem,
und eines Morgens stiegen lodernde Feuer
aus der Erde,
verschlangen Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
und seither Blut.
Banditen mit Flugzeugen und Marokkanern,
Banditen mit Ringen und Herzoginnen,
Banditen mit segnenden schwarzen Mönchen
kamen vom Himmel, um Kinder zu töten,
und durch die Strassen das Blut der Kinder
floss einfach, wie das Blut von Kindern.
Schakale, widerwärtig für einen Schakal,
Steine, auf die die trockene Distel gespien hätte,
Vipern, die Vipern verachten würden!
Vor euch habe ich das Blut
Spaniens aufwallen gesehn,
euch zu ersäufen in einer einzigen Woge
von Stolz und Messern!
Generäle
Verräter:
seht mein totes Haus,
seht mein zerbrochenes Spanien:
doch aus jedem Haus schiesst brennendes Metall
anstelle von Blumen,
aus jedem Loch in Spanien
springt Spanien empor,
aus jedem ermordeten Kind wächst ein Gewehr mit Augen,
aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren,
die eines Tages den Sitz
eines Herzens finden werden.
Ihr fragt, warum seine Dichtung uns nichts
von der Erde erzählt, von den Blättern,
den großen Vulkanen seines Heimatlandes?
Kommt, seht das Blut in den Strassen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen,
kommt, seht doch das Blut
in den Strassen! *
Ich möchte ganz unmissverständlich sagen, dass ich, indem ich aus
Nerudas Gedicht zitiere, keinesfalls das republikanische Spanien mit
dem Irak Saddam Husseins vergleiche. Ich zitiere Neruda, weil ich
nirgendwo sonst in der zeitgenössischen Lyrik eine so eindringliche,
wahre Beschreibung der Bombardierung von Zivilisten gelesen habe.
Ich sagte vorhin, die Vereinigten Staaten würden ihre Karten jetzt
völlig ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so. Ihre offiziell
verlautbarte Politik definiert sich jetzt als „full spectrum
dominance“. Der Begriff stammt nicht von mir sondern von ihnen. „Full
spectrum dominance“ bedeutet die Kontrolle über Land, Meer, Luft und
Weltraum, sowie aller zugehörigen Ressourcen.
Die Vereinigten Staaten besitzen, über die ganze Welt verteilt, 702
militärische Anlagen in 132 Ländern, mit der rühmlichen Ausnahme
Schwedens natürlich. Wir wissen nicht ganz genau, wie sie da
hingekommen sind, aber sie sind jedenfalls da.
Die Vereinigten Staaten verfügen über 8000 aktive und operative
Atomsprengköpfe. Zweitausend davon sind sofort gefechtsbereit und
können binnen 15 Minuten abgefeuert werden. Es werden jetzt neue
Nuklearwaffensysteme entwickelt, bekannt als Bunker-Busters. Die stets
kooperativen Briten planen, ihre eigene Atomrakete Trident zu ersetzen.
Wen, frage ich mich, haben sie im Visier? Osama Bin Laden? Sie? Mich?
Joe Dokes? China? Paris? Wer weiß das schon? Eines wissen wir
allerdings, nämlich dass dieser infantile Irrsinn – der Besitz und
angedrohte Einsatz von Nuklearwaffen – den Kern der gegenwärtigen
politischen Philosophie Amerikas bildet. Wir müssen uns in Erinnerung
rufen, dass sich die Vereinigten Staaten dauerhaft im Kriegszustand
befinden und mit nichts zu erkennen geben, dass sie diese Haltung
aufgeben.
Abertausende wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA sind
nachweislich angewidert, beschämt und erzürnt über das Vorgehen ihrer
Regierung, aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine einheitliche
politische Macht dar – noch nicht. Doch die Besorgnis, Unsicherheit und
Angst, die wir täglich in den Vereinigten Staaten wachsen sehen können,
werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwinden.
Ich weiß, dass Präsident Bush zahlreiche ausgesprochen fähige
Redenschreiber hat, aber ich möchte mich freiwillig für den Job melden.
Ich schlage folgende kurze Ansprache vor, die er im Fernsehen an die
Nation halten kann. Ich sehe ihn vor mir: feierlich, penibel gekämmt,
ernst, gewinnend, aufrichtig, oft verführerisch, manchmal mit einem
bitteren Lächeln, merkwürdig anziehend, ein echter Mann.
„Gott ist gut. Gott ist groß. Gott ist gut. Mein Gott ist gut. Bin
Ladens Gott ist böse. Er ist ein böser Gott. Saddams Gott war böse,
wenn er einen gehabt hätte. Er war ein Barbar. Wir sind keine Barbaren.
Wir hacken Menschen nicht den Kopf ab. Wir glauben an die Freiheit. So
wie Gott. Ich bin kein Barbar. Ich bin der demokratisch gewählte
Anführer einer freiheitsliebenden Demokratie. Wir sind eine barmherzige
Gesellschaft. Wir gewähren einen barmherzigen Tod auf dem elektrischen
Stuhl und durch barmherzige Todesspritzen. Wir sind eine große Nation.
Ich bin kein Diktator. Er ist einer. Ich bin kein Barbar. Er ist einer.
Und er auch. Die alle da. Ich besitze moralische Autorität. Seht ihr
diese Faust? Das ist meine moralische Autorität. Und vergesst das bloß
nicht.“
Das Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst verletzliches, fast
schutzloses Dasein. Darüber muss man keine Tränen vergießen. Der
Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es stimmt jedoch,
dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich eisig.
Man ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man findet keine
Zuflucht, keine Deckung – es sei denn, man lügt – in diesem Fall hat
man sich natürlich selber in Deckung gebracht und ist, so ließe sich
argumentieren, Politiker geworden.
Ich habe heute Abend etliche Male vom Tod gesprochen. Ich werde jetzt ein eigenes Gedicht zitieren. Es heißt „Tod“.
Wo fand man den Toten?
Wer fand den Toten?
War der Tote tot, als man ihn fand?
Wie fand man den Toten?
Wer war der Tote?
Wer war der Vater oder die Tochter oder der Bruder
Oder der Onkel oder die Schwester oder die Mutter oder der Sohn
Des toten und verlassenen Toten?
War er tot, als er verlassen wurde?
War er verlassen?
Wer hatte ihn verlassen?
War der Tote nackt oder gekleidet für eine Reise?
Warum haben Sie den Toten für tot erklärt?
Haben Sie den Toten für tot erklärt?
Wie gut haben Sie den Toten gekannt?
Woher wussten sie, dass der Tote tot war?
Haben Sie den Toten gewaschen
Haben Sie ihm beide Augen geschlossen
Haben Sie ihn begraben
Haben Sie ihn verlassen
Haben Sie den Toten geküsst **
Blicken wir in einen Spiegel, dann halten wir das Bild, das uns daraus
entgegensieht, für akkurat. Aber bewegt man sich nur einen Millimeter,
verändert sich das Bild. Wir sehen im Grunde eine endlose Reihe von
Spiegelungen. Aber manchmal muss ein Schriftsteller den Spiegel
zerschlagen – denn von der anderen Seite dieses Spiegels blickt uns die
Wahrheit ins Auge.
Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz
die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle
Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und
unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende
Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der Tat
zwingend notwendig.
Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision
verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was
wir schon fast verloren haben – die Würde des Menschen.
Übersetzung von Michael Walter
* aus Pablo Neruda: Dritter Aufenthalt auf Erden, 1937/1947.
Übersetzt von Erich Arendt, in Der unsichtbare Fluss – ein Lesebuch
herausgegeben von Victor Farias. Luchterhand, Hamburg, 1994.
** aus Harold Pinter: Krieg. Übersetzt von Elisabeth Plessen und Peter Zadek. Rogner und Bernhard, Hamburg, 2003.
akroasis Dezember 2005